Mär 29 2015

Géopolitique des chrétiens d’Orient

Antoine Fleyfel, Géopolitique des chrétiens d’Orient: défis et avenir des chrétiens arabes, Paris: L’Harmattan 2013, 213 S. = Collection „Pensée religieuse et philosophique arabe“ 13; ISBN 978-2-343-01485-2

Die Christen sind im Nahen Osten in Bedrängnis, seit dem sogenannten Arabischen Frühling besonders. Viele sprechen sogar von einer Verfolgung der Christen. Sie sind zwar nicht die einzigen, es werden auch Muslime und Angehörige anderer Minderheiten verfolgt und bedrängt, aber auf ihr Schicksal wird in den letzten Jahren besonders aufmerksam gemacht. Auch der Autor des hier zu besprechenden Buches will aktuell auf das Schicksal der Christen im Nahen Osten aufmerksam machen und ihre Zukunftsperspektiven ausleuchten. Er schreibt in seinem Vorwurf (S. 9), dass das Werk notwendig war, weil ein solches fehlte. Entweder sprechen die Werke von einer Kirche oder von der Liturgie und der Vergangenheit. Ausnahme sei das Werk „Vie et mort des Chrétiens d‘Orient“, das unter dem Pseudonym Valognes veröffentlicht wurde. Es erschien vor über 20 Jahren und beschreibt eine düstere Zukunft der Christen im Nahen Osten. Fleyfel hingegen sieht durchaus noch eine Zukunft für die Christen im Orient, trotz der düsteren aktuellen Lage. Er nimmt im Titel den Begriff Geopolitik auf und weckt somit Erwartungen, dass hier auch Handlungskonzepte für die Christen im Nahen Osten vorgestellt werden. Nach seiner Analyse erleiden die Christen in diesem geographischen Raum die Folgen einer bestimmten Politik. Das Kräfteverhältnis zwischen den Christen und der muslimischen Mehrheitsbevölkerung verschiebt sich aufgrund demographischer Faktoren, in der Ökonomie, im politisch-militärischen, in den Bereichen der Ideen, Kulturen und Religionen (S. 11). Geographisch beschränkt er sich auf die Länder Libanon, Syrien, Ägypten, Jordanien, Irak und Heiliges Land. Er betrachtet also nur einen Teil der orientalischen Christen, nämlich die arabischen. In seinem Werk will er nur insoweit auf die Geschichte eingehen, wie sie für die Erläuterung der aktuellen Situation wichtig ist. So will er nicht ausführlicher den Bürgerkrieg im Libanon behandeln, sondern nur auf seine Gründungsgeschichte. Im Heiligen Land steht für ihn der israelisch-palästinensische Konflikt im Vordergrund der Analyse (S. 12). Im ersten Kapitel geht er der Frage nach, wer die Christen im Nahen Osten sind. Dabei untersucht er zunächst einmal die verschiedenen Bezeichnungen für die Christen und stellt die einzelnen Kirchen vor. In seinem Werk geht der Autor nur auf die arabischen Christen ein. Ein Großteil der Christen wurde mit den islamischen Eroberungen arabisiert, so das erst ab dieser Zeit von arabischen Christen gesprochen werden kann. Der Autor teilt die Geschichte in drei große Perioden ein: in der ersten, der arabischen Periode gab es gute Beziehungen zwischen Christen und Muslime und einen regen Austausch; die mittlere, mamelukische Periode ist von einer Gegnerschaft zu den Christen geprägt; es ist die Zeit nach den Kreuzzügen; die dritte, osmanische Periode ist durch ein profitables Milletsystem geprägt (S. 37). Für die Gegenwart nennt der Autor drei konstitutive Charakteristika der Christen im Orient: das Arabertum; der Islambezug und Palästina (S. 42). Das Kapitel zwei behandelt den Libanon (S. 45-74). Der Autor stellt kurz die Entstehung der Verfassung, den Bürgerkrieg, das Abkommen von Taëf und die Zeit danach bis 2001 vor. Er geht dabei vor allem auf die Politik aus der christlichen Perspektive ein. Dabei sieht er, dass die Christen seit dem Bürgerkrieg, und vor allem seit dem Abkommen von Taëf unter Druck gerieten. Die Exhortation des Papstes Johannes Paul II. 1997 und die Stellungnahme des maronitischen Patriarchen gegen die syrische Besatzung im Jahr 2000 verschaffen den Christen im Libanon wieder etwas Luft (S. 58-63). 2005 brachte mit dem Attentat auf den Präsidenten Hariri eine Wende. Die syrischen Besatzer zogen ab, der christliche Politiker Geagea kam aus dem Gefängnis und mit dem christlichen Politiker Aoun entstand eine starke politische Kraft. Es war das Ende der Frustrationen, die Christen erlangten die Freiheit zurück, sich politisch für oder gegen Syrien zu engagieren (S. 63-67). Jedoch erfolgte schon 2006 die Spaltung des Lagers der Christen und damit wurden sie auf Platz drei der politischen Kräfte verwiesen (S. 67-70). Auf den folgenden Seiten stellt der Autor die gesellschaftliche Rolle der Kirche dar und verweist vor allem auf das Fernsehen die Schulen und dem maronitischen Patriarchen (S. 70-72). Die demographische Entwicklung im Libanon sieht der Autor insgesamt für die Christen positiv (Seite 72-74). Kapitel drei behandelt Jordanien (S. 75-96) nach einer kurzen Darstellung der Geschichte und der politischen Lage der Christen in Jordanien geht er auf die Rolle der sozialen Institutionen der Christen ein. Eine gewisse Bedrohung für die Christen sieht er in den wachsenden islamistischen Kräften seit 1990, die aber seiner Meinung nach in Jordanien noch nicht bedrohlich sind (S. 87-89). Die Christen halten den Islamisten den nationalen Diskurs entgegen (90). Ein Aspekt seiner Untersuchung sind die Besuche des Papstes im Rahmen seiner Heilig-Land-Pilgerreisen. Zum Schluss fragt er nach der Zukunft der Christen in Jordanien, die er angesichts des stabilen Staates positiv sieht. Aber sie stehen auch vor Herausforderungen. Kapitel vier behandelt den Irak (S. 97-121). Zunächst wird einmal die Geschichte der Christen auf dem Boden Iraks kurz dargestellt mit der Darstellung der Probleme der Christen seit 2003, der amerikanischen Invasion, beginnt der Hauptteil des Kapitels (S. 112-115). Zunächst wird die Zweideutigkeit der neuen irakischen Verfassung dargestellt (S. 115-117). Sodann stellt er die politischen Aktivitäten der Christen, vor allen der Assyrer, weniger die der Chaldäer dar. Bei den letzteren beschränkt er sich auf den Widerstand gegen die Autonomie in der Ninive-Ebene. Nach Meinung des Autors ist die Lage der irakischen Christen nicht so erbärmlich, wie sie in den Medien dargestellt wird. Bedeutsam ist ihr politisches Engagement, Identität und Heimat zu erhalten. Dies gilt vor allem für die Assyrer (S. 118-120). Dennoch scheint wegen der Islamisierung die Zukunft der Christen im Irak dunkel. Sie hängt aber nach Fleyfel zu aller erst von den irakischen Christen selbst ab und dann von dem politischen Schutz, wie sie ihn in Kurdistan genießen. Das Fehlen des politischen Willens zum Zusammenleben übrigen Irak macht die Situation schwierig (S. 121). der Autor hat diese Kapitel geschrieben, bevor der Islamische Staat weite Teile des Iraks besetzt und mit Terror überzogen hat. Im nächsten Kapitel behandelt der Autor das Heilige Land (S. 123-149). Dies ist sicherlich das problematischste Kapitel in dem Werk, da hier ganze christlichen Gruppen, die von Bedeutung sind, ausgeschlossen werden. So werden die christlichen Immigranten im Kapitel zwar erwähnt, aber die zionistischen Christen ausgeschlossen, weil sie nicht zu den Christen des Heiligen Landes zählen laut Autor. Seine Begründung ist die, dass die lokalen Kirchen sich heftig gegen die zionistischen Christen wären. Des Weiteren schließt er die afrikanischen und asiatischen Christen, die im Heiligen Land leben, aus, weil sie nur schwer zu fassen sind (S. 124). Auf den folgenden Seiten stellt der Autor das politische Engagement der Christen, nicht nur der Hierarchien, dar (S. 126-129). Seiner Meinung nach wurde die alte christliche Elite im dritten Jahrtausend wieder erneuert, obwohl sich dies nicht in der Politik zeigt (S. 130). Für die Christen bedeutende politische Ereignisse waren die Besetzung der Geburtskirche in Bethlehem im Jahre 2002 und die spätere Anerkennung als Weltkulturerbe im Jahr 2012, sowie der Beginn des Mauerbaus im Jahr 2002 (S. 131-133). Bei der Darstellung der einzelnen Kirchen fällt auf, dass sie Kustodie als eigene Kirche, und nicht als Teil der lateinischen Kirche dargestellt wird (S. 136). Auf der folgenden Seite setzt der Autor seine Argumentation, die er am Anfang des Kapitels begonnen hat, fort. Den Ausschluss der zionistischen Christen und der christlichen Immigranten begründet er weiterhin damit, dass sie zum einen nur mangelhaft inkulturiert sind, und zum anderen es sich um neue Gruppen handelt, die vielleicht nur vorübergehend im Land leben (S. 137). Der Begründung folgen Invektive gegen zionistische Christen ohne Erklärung und Begründung. Sie sollen die Begründung für das Weglassen unterstreichen. Der Autor verzichtet auf die Analyse der geopolitischen (negativen) Bedeutung dieser Gruppen für die Christen insgesamt. Viele Punkte fehlen in diesem Kapitel, die das Leben der Christen in dieser Region prägen, so zum Beispiel die Medien. Auch geht der Autor weder auf die hebräischen Christen noch auf die messianischen Juden ein. Die Zukunft der Christen in dieser Region ist laut Autor von der Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts abhängig. Obwohl er die Ökumene vorher erwähnt, spielt sie aber für den Autor für die Zukunftsperspektive nicht von Bedeutung (S. 148). Das nächste Kapitel befasst sich mit Ägypten (151-180). Zunächst stellt der Autor die verschiedenen Kirchen in Ägypten dar, erwähnt in aller Kürze die Geschichte der Christen in diesem Staat beginnt seinen Hauptteil mit der Geburt der Arabischen Republik Ägypten (S. 151-158). Es folgt eine kurze Darstellung der Renaissance der koptischen Kirche und ihrer Klerikalisierung als Kehrseite dieser Renaissance (S. 158-161). Der Aufstiegs islamistischer Kräfte in Ägypten wird knapp dargestellt (S. 161-163). Verfassung und Verfassungswirklichkeit, sowie konfessionelle Auseinandersetzungen und Diskriminierung der Christen folgen (S. 163-172). Im Anschluss werden die politischen Aktionen der Kopten und die Aktivitäten der Diaspora dargestellt, sowie die offizielle Versöhnungspolitik (S. 172-177). Viel zu kurz stellt er die Periode des Umbruchs und des Sturzes des Präsidenten Mubarak dar. Als das Buch Druck ging wurde gerade der Präsident Mursi gestürzt. Dies hält er noch in einem Postscriptum fest. Die Frage nach der Zukunft der Christen in Ägypten stellt der Autor nicht mehr. Das letzte Kapitel behandelt die Christen in Syrien (S. 181-209). Einleitend wird sehr knapp die Geschichte der Christen in Syrien dargestellt. Dabei wird die Lage der Christen vor allem auch unter Assad als relativ positiv beschrieben (S. 181-195). Auf den folgenden Seiten wird das Verhältnis der Christen zum Staat behandelt. Die kirchliche Hierarchie ist dem Staat gegenüber treu (S. 196-206). Ab 2011 beginnt der Aufstand gegen das Assad Regime. Der Autor beschreibt drei Konfliktebenen (S. 206-207). Einer der wichtigen christlichen Akteure in der Opposition ist George Sabra (S. 208). Da in Syrien die Entwicklung dramatisch und ein Ende des Aufstandes nicht abzusehen ist, ist es verständlich, dass der Autor nicht die Frage nach der Zukunft der Christen stellt. Das Buch endet mit einem Schlusskapitel, in dem der Autor seine Gedanken zur Zukunft der Christen noch einmal zusammenfasst (S. 211-212). So glaubt der Autor, dass sie Christen nicht ihr letztes Kapitel im Orient schreiben, wie es angeblich einige behaupten. Sie sind genauso unter Druck wie die anderen Gruppen, und sollte dies nicht auch ihr Überleben sichern, wie der Autor fragt (S. 211-212). Der Autor glaubt, dass sie Christen, die sich in der Vergangenheit immer so gut den geänderten Umständen angepasst haben, dies auch in Zukunft tun werden. Für ihn ist die Zusammenarbeit der Christen mit laikalen und bürgerlichen Muslimen wichtig. Die größte Herausforderung stellt der Konfessionalismus dar. Antoine Fleyfel hat mit dem Titel des Werkes „Géopolitique des Chrétiens d’Orient“ und den ersten Sätzen seiner Einleitung beim Leser hohe Erwartungen geweckt. Kann er diese erfüllen? Als einziges Werk, das seinem Buch vergleichbar sein soll, ist das 20 Jahre alte Werk „Vie et mort des Chrétiens d’Orient“. Aber weder vom Umfang noch von der Recherche im Detail ist dieses epochale Werk mit dem von Antoine Fleyfel vergleichbar. Auch gibt es zwischen diesem Werk und seinem Werk verschiedene Publikationen, die ebenso auf die Lage der Christen im Nahen Osten eingehen, und das nicht nur geschichtlich sondern auch auf die Gegenwart bezogen. Freilich sind die meisten Werke Arbeiten zu einzelnen Ländern oder Kirchen. Aber es gibt auch einige Werke, die die Geschichte der Christen in der Neuzeit und ihre aktuelle Lage nach Ländern geordnet behandeln. Viele sind nicht in Französisch geschrieben, und nicht französische Literatur ignoriert der Autor, sehr selten wird englischsprachige Literatur zitiert. Der Begriff Geopolitik weckt leicht die Hoffnung, dass man hier etwas über eine kirchenpolitische oder politische Strategie der Christen für die Zukunft erfahren könnte. Doch der Autor dämpft die Hoffnungen. Es geht ihm um die Darstellung, wie sich Christen im Geflecht politischer, ideologischer und ökonomischer Macht in einem Land platzieren. Die innere Entwicklung der christlichen Gemeinschaften spielt in der Darstellung nur eine geringe Rolle. Es liegt hier also eine kurze moderne Geschichte der Christen in der Gegenwart im Nahen Osten vor. In den Kapiteln zu den einzelnen wird recht knapp die jeweilige Geschichte der Christen bis in die Gegenwart dargestellt, aber auch die Analyse der aktuellen Situation ist sehr knapp. Angesichts der anhaltenden dramatischen Entwicklungen im Nahen Osten ist es verständlich, dass der Autor keine abschließende Analyse machen kann. Hier muss der Leser selbstverständlich auf aktuelle analytische Zeitschriftenbeiträge zurückgreifen, die in den letzten Jahren auch häufiger erscheinen. Wer eine erste Einführung in die moderne Geschichte und die aktuelle Lage der Christen im Nahen Osten haben will und leicht Französisch liest, dem sei das Buch empfohlen. Für Leser anderer Sprachen gibt es vergleichbare Werke.

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