Okt 04 2014

Najib Georg Awad, And Freedom Became a Public–Square. Political, Sociological and Religious Overviews on the Arab Christians and the Arabic Spring

Najib Georg Awad, And Freedom Became a Public–Square. Political, Sociological and Religious Overviews on the Arab Christians and the Arabic Spring, Zürich: LIT, 2012, XIII + 261 S. = Studien zur orientalischen Kirchengeschichte 46, ISBN 978-3-643-90266-5

<!–:de–>Najib Georg Awad neustes Buch ist ein wichtiger Beitrag zu den momentanen Veränderungen im Nahen Osten. Najib Georg Awad ist Associate Professor of Christian Theology am Hartford Seminary in Connecticut, USA. Erschreibt zurzeit seine Habilitation an der Universität Marburg, Deutschland. Er hat bereits zahlreiche Aufsätze zur christlich-arabischen Theologie, meist auf Arabisch, verfasst und sich so einen Namen als engagierter Theologe gemacht. Najib George Awad widmet einen großen Teil seiner Arbeit der Zukunft der Christen in den arabischen Ländern. Sein aktuelles Werk reiht sich in seine unermüdlichen Bestrebungen ein, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden und Wege aufzuzeigen, das Gelesene aktiv umzusetzen. Er ruft in seinem Buch die arabischen Christen dazu auf, mit Hilfe einer arabisch-christlich kontextuellen Theologie aktiver das gesellschaftliche Leben ihrer Heimatländer zu gestalten.

Najib Georg Awad schrieb das Buch aus einem persönlichen Anliegen heraus, welches sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Er möchte den arabischen Christen eine Stimme geben. Und er möchte dies tun als Araber, als Syrer, er ist an der syrischen Küste in Lattakia geboren, als Christ und als Theologe. Er legt daher kein streng wissenschaftliches Werk vor, sondern eine subjektive Analyse samt Bewertung der gegenwärtigen Situation im Nahen Osten (Frühjahr 2012).

Er sieht es als das Schicksal der Christen in der arabischen Welt an, eine Brücke zu sein zwischen dem jüdisch-christlichen Westen und dem arabisch-christlichen Osten. Eine Brücke, die die beiden Ufer der unterschiedlichen politischen Vorstellungen miteinander verbindet. Diese Brücke droht durch die aktuellen Entwicklungen einzustürzen, und der Autor möchte Möglichkeiten aufzeigen, sie zu sichern. Er möchte aber zugleich die Brücke erneuern um eine Gesellschaft aufzubauen, die sowohl die Werte der westlichen Welt als auch die Zugehörigkeit zum (Nahen) Osten und damit zur arabisch-islamischen Erde verkörpert.

Das Buch besteht aus drei Teilen, die gesondert gelesen werden können. Im ersten Teil beleuchtet der Autor die Hintergründe der Revolutionen und Erhebungen, die sich im arabisch sprechenden Raum vollzogen haben. Im Gegensatz zu anderen Analysen stellt der Autor die Christen als arabische Minderheit in den Fokus. Im zweiten Teil werden die Christen und ihre Einschätzungen der Revolutionen in der arabischen Welt vorgestellt, Syrien wird am weitgehendsten behandelt. Der dritte Teil widmet sich intensiv den Möglichkeiten zukünftiger kontextueller religiöser Dialoge in den arabischen Ländern. Die Zielgruppe des Buches sind Leser, die sich einerseits allgemein über die Entwicklungen in der arabischen Welt seit 2011 informieren wollen und basierte Informationen über die Haltung der arabischen Christen zu den aktuellen Entwicklungen und deren Einschätzung einer gemeinsamen Zukunft erhalten wollen. Najib Georg Awad versteht sein Buch somit als Aufklärungsbuch für den Westen, da nach wie vor vielen Menschen die arabischen Christen unbekannt sind. Ihre Anwesenheit im Nahen Osten bzw. in der ganzen arabischen Welt wird als nicht so prägend angesehen wie die der Muslime. Andererseits ist sein Buch für die Christen und Muslime in der arabischsprachigen Welt selbst gedacht, da das Buch die Aufforderung an die arabischen Christen beinhaltet, in einen interreligiösen und kontextuellen Dialog zu treten. Dabei definiert er jedoch weder „arabisch“ noch „Christ“ und lässt die Möglichkeit offen, Gruppierungen entweder ein- (orthodoxe, katholische, evangelische und freie Denominationen) oder auszuschließen (Pfingstkirchen). Eine Auflistung der unterschiedlichen Kirchen in Syrien bietet er nicht.

Nach einem Vorwort (VII-X) folgt eine kurze Einführung durch Assaad Elias Kattan (XI-XII). Assaad Elias Kattan ist seit 2005 Professor für Orthodoxe Theologie an der Westfälischen Wilhelm-Universität Münster. Er begrüßt das Anliegen von Najib Georg Awad, die aktuellen Veränderungen in der arabischen Welt zeitnah zu beschreiben und zu analysieren, nicht zuletzt um den vorherrschenden Meinungen, arabische Gesellschaften wären angeblich rückschrittlich, entgegenzutreten.1 Er hebt direkt hervor, dass das Buch keine trockene wissenschaftliche Analyse sei, vielmehr ein christlicher syrischer Theologe zu Wort kommt. Dementsprechend seien keine klare Trennlinien zu ziehen zwischen Gelehrsamkeit und persönlicher Überzeugung, dies gelte insbesondere beim Plädoyer Najib Georg Awads für eine kontextuelle Theologie des Nahen Ostens.

Der Titel des ersten Teils (S.1-58), The Arabic Uprisings: Observations, Appraisal and Expectations, verspricht ausführliche Hintergrundinformationen und einen zeitnahen Überblick über die Vorgänge in der arabischen Welt. Der Auslöser der arabischen Erhebungen war die öffentliche Selbstverbrennung des Tunesiers Tareq Altayyeb Muhammad Al-Bouazizi am 17. Dezember 2010 und sein anschließender Tod nach langem Krankenhausaufenthalt im Januar 2011. Seinem Beispiel der öffentlichen Selbstverbrennung als Akt des Protestes folgten innerhalb von zwei Monate 33 Männer in anderen arabischen Ländern. Der Autor analysiert den chronologischen Ablauf der Erhebungen und Revolutionen, dabei bezieht er sich oft auf Augenzeugenberichte auf Facebook, YouTube und Zeitungsartikeln. Seinen Ausführungen ist anzumerken, wie erstaunt er selber über diese Entwicklung ist. Er befürwortet dabei entschieden die Nahda, die arabische kulturelle Renaissance in Bezug auf den syrischen Nationalismus. Er gibt zusammenfassend die Diskussion über die vorherrschenden öffentlichen Meinungen wieder, Islam und Demokratie würden sich gegenseitig ausschließen und islamisch geprägte Ländern seien nicht für die Demokratie geeignet. Die möglichen Formen eines säkularen Staatsgefüges in der arabischen Welt arbeitet er an der Theorie von Charles Taylor ab (Charles Taylor, A Secular Age>, Cambridge 2007). Taylor untersucht am Gerüst des politischen, soziologischen und kulturellen Säkularismus die jeweiligen Auswirkungen auf die Gesellschaften. Spannend sind die Überlegungen, welche mögliche Form des Säkularismus die arabischen Jugendlichen sich vorstellen und aufbauen können (S. 27ff.). Bezeichnend ist hier Najib Georg Awads Klarsicht, dass es in einigen Ländern zu einem Erstarken der islamistischen Gruppierungen (sects, S. 31) kommen wird, da dies für viele die einzig denkbare Entwicklung sei, um die entstandene Autoritätslücke geistig zu füllen und Ordnung in das Chaos nach dem Sturz der Diktaturen zu bringen. Diese Entwicklung würde durchaus mit Unterstützung des Westens geschehen, der eine starke und klar strukturierte Macht einer chaotischen, dezentralen Aufteilung vorzieht.2 Der gemäßigte politische Islam des Hafiz al-Assad (1970-2000) in Syrien vermittelte den Christen eine relative Sicherheit. Assad förderte durch sein Gesellschaftsmodell die multi-religiöse Koexistenz. Der Autor bestätigt jedoch, dass die Zeit des Ba’ath Regimes vorbei ist: „Therefore, the Ba’thist (sic) regime has undoubtedly lost the reasons of its existence on the futural map of the region“(S. 56).

Im zweiten Teil des Buches (S. 59-122) werden unter der Überschrift The Christians of the Arab World and the Region’s Transformation die Christen in der „Arab World“ vorgestellt. Die Hintergründe der Dezimierung der arabischen Christen in vielen Ländern des Nahen Ostens, insbesondere im Irak und Syrien, werden eingehend beleuchtet. Die Zusammenhänge der einzelnen Verfolgungen in den jeweiligen Ländern, insbesondere in Syrien, werden aufgezeigt. Die Christen verließen ihre Heimat und wurden von anderen arabischen bzw. muslimischen Ländern (wie Türkei, Jordanien etc.) aufgenommen. Dabei spricht er wiederholt die Unwissenheit des Westens in Bezug auf die Vielfalt der Kirchen in Syrien an und beschreibt das Erstaunen der westlichen Reisenden darüber, dass die Kirchenbauten bis heute (2012) stehen blieben.

Im dritten Teil (S. 123-204) erarbeitet er unter dem Titel The Arab Christians and the Promise of a Contextual Dialogue in fünf Kapiteln die Möglichkeiten einer arabischen kontextuellen Theologie. Für Najib Georg Awad liegt der Hauptgrund der gesellschaftlichen Veränderungen, inklusive der Massenauswanderungen der Christen aus den arabischsprachigen Ländern, vorrangig in dieser Ursache: Die Angst vor der Zukunft, einer Zukunft als Christ im Nahen Osten. Er entwickelt deswegen konkret einen Lösungsvorschlag, um eine gemeinsame Zukunft gestalten zu können. Er konzentriert sich dabei auf sein Geburtsland Syrien mit zehn Prozent Christen auf die Bereiche Politik, Menschenrechte, Interreligiöse Dialoge, Frieden und Identität. Sein Ziel ist es, mit Hilfe der kontextuellen Theologie es den Christen als Minderheit in einer Gesellschaft zu ermöglichen, mit verantwortlich zu sein beim Aufbau der neuen arabischen Zivilgesellschaft und der Modernisierung ihrer Länder. Die kontextuelle Theologie bezieht die kulturellen (arabischen) Gegebenheiten vor Ort jeweils mit ein, berücksichtigt die Allgegenwärtigkeit der Religionen, wird geleitet vom Toleranzgedanken und betont die Zugehörigkeit zur arabischen Kultur.

In seinem Ausblick (S. 205-223) kommt der Autor zum Schluss, dass die Zukunft der christlichen Konfessionen in den arabischen Ländern „am runden Tisch“ liegt. Die Christen müssten sich für einen engen Dialog mit den Muslimen öffnen. Najib Georg Awad weist hier nochmals ausdrücklich auf das Versäumnis der Christen hin, in der Vergangenheit keine ausreichende Kontakte und keine Vernetzungen zu den Sunniten in Syrien geknüpft zu haben. Ein Nebeneinanderleben der einzelnen Religionen sorgt für Sprengstoff in jeder Gesellschaft (S. 220). Eine gelebte Religiosität sei wichtig für die arabische Identität, insofern wird die Zukunft auch religiös geprägt sein. Das verbindende Gespräch kann die Richtung für eine gemeinsame religiöse Zukunft gestalten. Für den Autor ist die letztendlich die einzige Chance für die Christen, in der arabischen Welt zu überleben (S. 221).

Zwei Anhänge sind beigefügt, Appendix I (S. 224-229) erörtert unter der Überschrift The Christians and the Syrian Uprising: How Do We Deal (sic) with their Fears? die gemischten Gefühle vieler Christen in Syrien. Politische und gesellschaftliche Veränderungen bringen oft unübersichtliche Situationen hervor, die die Sehnsucht nach Sicherheit, gerade im Hinblick auf die gemeinsame Zukunft in Syrien, verstärken. Eine Sicherheit für das eigene Leben und die Selbstverständlichkeit, den eigenen Glauben im häuslichen Bereich und auch in der Öffentlichkeit (Kirchenbauten, Versammlungsfreiheit etc.) leben zu können, kann durch die Veränderungen nicht mehr garantiert werden. Die Angst vor der Zukunft beschreibt er konkret im historischen Rückblick auf die Zeiten, in denen Christen als „Ungläubige“ unter einer islamisch-religiös geführten Regierungsmacht lebten. Die Christen befürchten eine erneute Verfolgung, die schlimmstenfalls in einen Bürgerkrieg nach dem Sturz von Assad ihren Anfang nehmen würde. Die Entscheidung, sich selbst den unterschiedlichen Rebellengruppierungen anzuschließen, sei für viele Christen eben aufgrund der zu erwartenden Situation nach dem Sturz Assads schwierig, daher würde sich viele Christen in Syrien ruhig verhalten. Einige Christen halten weiter zum alten Bashar al-Asaad Regime, in der Hoffnung, dass dieses die Versprechungen einhalten werde. Najib George Awad bezieht hier Stellung und plädiert dafür, deswegen kein Urteil über die Christen zu fällen. Er fordert sie aber dennoch auf, Vertrauen in eine neue Regierung zu haben, da jede neue Regierung tolerant sein wird oder sein sollte (S. 227). Die Angst vor einem möglichen radikalen Islamismus und einer islamisch geprägten Rechtsprechung (Scharia) sei groß. Der Autor spricht sich entschieden gegen diese Angstvorstellungen aus und drückt sein Unverständnis aus, „especially that we live today in a historical era that is totally different from the ages of Muslim Caliphate” (S. 227).3 Er plädiert dafür, differenziert über die unterschiedlichen (politischen) Ideen des Islams und den historischen Zuschreibungen zu befinden. Der nächste Schritt sei die gemeinsame Zusammenstellung eines „Code of Ethics“, auf dem der zukünftige Umgang mit „Minderheiten“ in Syrien basieren sollte (S. 229).

Im Appendix II (S. 231-238) mit dem Titel The Arabic Spring and the Democracy of the Non-Democrats äußert er sich zu den Gefahren, die eine pseudo-demokratische Entwicklung in den einzelnen arabischen Ländern mit sich bringen würde.

Die anschließende Bibliographie versteht sich als eine aktuelle Zusammenstellung (bis 2011) über Bücher und Artikel zur Situation von arabischen Christen im Nahem Osten und der Möglichkeit eines interreligiösen Dialogs. Obwohl Syrien im Mittelpunkt des Buches steht, wird auch Literatur zu den anderen Ländern aufgelistet, die teilweise auch nur online verfügbar ist.

Ein Lektorat scheint nicht durchgeführt worden zu sein, auf die wirklich zahlreichen Rechtschreibfehler sei hier nicht eingegangen, wie gleich in der zweiten Zeile im ersten Kapitel (Januray statt January) S. 1; notwistanding anstatt notwithstanding (S. 21). Sie stören den Lesefluss erheblich. Die Aussagen des Autors sind oftmals zu weitläufig, eine Straffung des Textes um ein Drittel würde den Lesefluss enorm erleichtern. Ein Index fehlt ganz.

Das Buch ist zu empfehlen als ein guter Einstieg in die Veränderungen im Leben der arabischen Christen. Zu begrüßen ist insbesondere die Innensicht der Darstellung. Es ist gerade diese persönliche Sichtweise des Autors, die das Buch für westliche Leser interessant macht. Mit seinem Buch öffnet Najib George Awad weit die Grenzen, insbesondere die mentalen, der westlichen Welt. Sein Buch wurde überrollt von den aktuellen Ereignissen, sicherlich würde der Autor heute einige Aussagen wie die oben zitierte Aussage zum Kalifat (S.227) nicht mehr treffen. Die aktuellen Ereignisse (2014) in einigen Gebieten Syriens und des Iraks mit der Verfolgung der Christen und der Zerstörung der Kirchen durch radikale Gruppierungen veränderten nochmals die gesamte Situation der Christen in der arabischen Welt. Viele Solidaritätsbekundungen von muslimischer und christlicher Seite bezeugen die Sorge vor einer Auslöschung der christlich-arabische Kultur im Nahen Osten. Najib Georg Awads Ansatz der interkulturellen Theologie zeigt hier eine Lösung auf und sollte ernst genommen werden.

1 Bei einer von der Rezensentin über drei Jahre privat durchgeführten Befragung mit willkürlich ausgewählten Personen mit akademischen Hintergrund waren 80% erstaunt über die vergangene und gegenwärtige Existenz arabischer Christen und sogar Kirchenbauten im Nahen Osten.
2 Vgl. dazu die verbreitete Theorie, dass der Westen daran interessiert sei, die Zukunft des Nahen Ostens ohne Christen zu gestalten (vgl.: Ein Gespräch des in Deutschland lebenden syrischen Dichters Fouad EL-Auwad mit dem syrisch-katholischen Patriarchen Ignatius Yusuf III. Yunan: Der Nahe Osten braucht Christen wie der Teig die Hefe, in FAZ, Freitag 31.01.2014, Seite 34).
3 Die gegenwärtige Situation in Syrien und Irak (Sommer 2014) zeigt eine andere Entwicklung auf, die politisch-religiöse Vorgabe der Errichtung eines Kalifats ist Ziel der mit Waffengewalt kämpfenden Rebellengruppierung, die sich selbst als Islamischer Staat (IS) bezeichnet.
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