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Mär 23 2011

Christen in Libyen

Libyen hat etwa 6,4 Mill. Einwohner, darunter etwa 75.000 Katholiken. Von ihnen wohnen die meisten im Apostolischen Vikariat von Tripolis, deutlich weniger gehören zum Apostolischen Vikariat von Banghazi. Das Apostolische Vikariat von Derna ist seit 1948 vakant, ebenso seit 1969 die Apostolische Präfektur von Misurata.

Nach der Revolution im September 1969 wurde am 10. Oktober 1970 ein Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem libyschen Staat unterzeichnet. Der gesamte Kirchenbesitz wurde nationalisiert, zwei Kirchengebäude wurden der katholischen Kirche zur Nutzung überlassen. Zehn Priester dürfen maximal im Staat tätig sein. Allerdings wurden Hunderte Schwestern für den Krankenhausdienst angeworben.

Die Kolonialzeit

Nachdem italienische Truppen die Küstenstädte Libyens besetzt hatten, kam 1911 Mgr. Antonnelli nach Libyen und errichtete am 23. Februar 1913 das Apostolische Vikariat von Libyen. Sein Nachfolger P. Tonizza kümmerte sich um die Infrastruktur und ließ eine Kathedrale, Kindergärten, Schulen und Pfarrzentren errichten. 1927 wurde das Apostolische Vikariat aufgeteilt in das von Tripolitanien und in das von Banghazi in der Kyrenaika. Obwohl die Kirche während der Besatzungszeit auch die Aufgabe, die Soldaten zu betreuen, pflegte sie in Libyen immer auch sehr gute Beziehungen zur muslimischen Bevölkerung.

Das unabhängige Libyen

1951 wurde Libyen unabhängig und bildete ein konstitutionelle Monarchie unter König Idris al-Sanussi.

Am 1. September 1969 riss Muammar al-Qaddafi die Macht an sich. Am 21. Juli 1970 kündigte er die sofortige Konfiszierung der Güter der Italiener und ihre Ausweisung an, was bis September des Jahres abgeschlossen waren. Davon war auch die Kirche betroffen. Nach zähen Verhandlungen konnten sechs Missionare im Land bleiben und in Tripolis und Banghazi wurde ihnen der Kult erlaubt. Der größte Teil der Kirchen wurde geschlossen, obwohl die Verfassung Religionsfreiheit garantieren soll. Die Kathedrale der Hauptstadt wurde in eine Moschee umgewandelt. Im Nachhinein wird dieser Akt als eine „Reinigung“ der Kirche angesehen, die damals fast rein italienisch war. Heute ist sie wirklich international.

Vom 2. bis 5. Februar 1976 fand ein Kongress für den islamisch-christlichen Dialog in Tripolis statt. In Folge dieses Dialogs wurde die Kirche in Banghazi den Christen zurückgegeben und später ein zweiter Bischofssitz errichtet. Schließlich führte er zu den diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan.

1977 proklamierte al-Qaddafi die Errichtung der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Jamahiriya. In der Folgezeit kamen Gastarbeiter aus den Philippinen, aus Polen und Korea in das Land, wo durch die Zahl der Christen im Land wieder wuchs. Seit 1988 kamen dann arabische Christen als Arbeit.

1986 wurde der katholische Bischof von Tripolis, Giovanni Martinelli, zusammen mit drei Priestern und einer Ordensfrau für zehn Tage verhaftet. Diese Aktion wird oft als Racheakt für die offizielle Begegnung zwischen Papst Johannes-Paul II. und dem Rabbiner von Rom im selben Jahr gesehen.

Nach dem in den 80er Jahre sich die Beziehungen zwischen dem libyschen Staat und dem Heiligen Stuhl schrittweise verbesserten, wurden schließlich 1997 zwischen dem Vatikan und Libyen diplomatische Beziehungen aufgenommen und die zwei Apostolischen Vikariate, Banghazi und Tripolis, errichtet.

Der Staat zeigt sich seit 2004 deutlich stärker am interreligiösen und interkulturellen Dialog interessiert und eine Anzahl von Veranstaltungen fanden statt.

Im Februar 2006 wurden die Kirche in Banghazi und das Haus der Franziskaner in Brand gesetzt. Dies geschah in Folge der Unruhen, die die Muḥammad-Karikaturen in Dänemark ausgelöst hatten.

Die Kirche in Libyen ist sehr sozial engagiert. Verschiedene Orden arbeiten in Zentren für Behinderte, Waisen und Alte oder in Krankenhäuser.

Seit den Unruhen

Vom 29. Januar bis zum 2. Februar hatten sich die Bischöfe der Nordafrikanischen Bischofskonferenz (CERNA), unter ihnen auch die Bischöfe von Tripolis und von Banghazi, in Algier (Algerien) getroffen. Auf ihrem Treffen sagten sie, dass die Christen im Nahen Osten Teil des Wechsels sind, sie widersetzen sich ihm nicht. Die Proteste seien ein Zeichen des Wunsches nach Freiheit und Würde, besonders in der jungen Generation. Die Bewohner fordern als Bürger mit allen Rechten und Verantwortungen an dem Regieren des Landes teilzuhaben. Die Bischöfe fordern auch einen größeren Respekt der Religionsfreiheit im Rahmen der Menschenrechte. In Libyen konnten unter Gaddafi die Christen ihren Kult ausüben. Sie konnten nicht nur in den Kirchen die Messen feiern, sondern auch in Privathäusern und in Firmen. Auch Gefängnisseelsorge war möglich.

Die Christen befürchten, dass mit dem Sturz von Gaddafi, es zu einer islamistischen Regierung kommen wird, die dann die Freiheiten der Christen weiter einschränkt.

Während die meisten Ausländer das Land verlassen haben, stehen die Arbeitsmigranten aus dem subsaharischen Afrika häufig vor der Schwierigkeit, dass sie keine ausreichenden Ausweispapiere haben. Viele von ihnen haben Zuflucht in bei den Kirchen gesucht. Diesen versuchen Ordensleute im Land über ihre Botschaften und dem UNHCR zu helfen. Die Bischöfe, Priester und Ordensleute, mit sehr wenigen Ausnahmen, bleiben im den Land bei den Christen, die es nicht verlassen können.

Die Kirche besteht ausschließlich aus Ausländern, und so sind ihr die Hände in dem Konflikt gebunden. Sie kann nicht eingreifen oder Partei ergreifen. Ihre Chance und Aufgabe besteht darin, bei den Wehrlosen zu bleiben und Solidarität zu zeigen. Ihre politische Option hat sie in der Bischofskonferenz klar zu Ausdruck gebracht, ohne sie durchsetzen zu können.

Der Beitrag basiert auf der Veröffentlichung: Harald (Hg.), Kirche und Katholizismus seit 1945. Bd 7: Vorderer Orient und Nordafrika. Paderborn 2010, 214-216.

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Über den Autor

Harald Suermann

Professor für Christlichen Orient an der Universität Bonn

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